Mein erster Mitfahrer aus einer fremden Stadt

Es war das erste Mal, dass ich eine Mitfahrgelegenheit von Hamburg aus anbot. Bisher war ich nur zwischen Dresden und Jena auf Achse.

Auto

Wenn man in einer fremden Stadt unterwegs ist, dann kennt man natürlich nicht die besten Treffpunkte. Ganz zu schweigen vom kürzesten Weg zur Autobahn. Damals war ich nicht im Besitz eines Navigationsgerätes. Einen Atlas hatte ich allerdings auch nicht. Meine Route plante ich im Vorfeld mit Google-Maps. Ich versuchte mir die wichtigsten Kreuzungen zu merken. Das klappte auch meistens ganz gut. Für kompliziertere Strecken machte ich mir Notizen auf Post-its. Die konnte man bei Bedarf ans Lenkrad kleben.

Jedenfalls hatte ich einen geeigneten Treffpunkt ausgemacht und die Mitfahrgelegenheit inseriert. Es meldete sich niemand außer Mehmet (Name geändert). Mehmet war ein sehr großer Mann mit südländischem Aussehen und Akzent. Was mir prinzipiell vollkommen egal ist, aber beim Anblick seines Gepäcks – einer Lidl-Einkaufstüte – musste ich unweigerlich an die vielen  „Was guckst du?“-Sketche denken. Hinzu kam, dass ihm einige Zähne fehlten. Das Ziel seiner Reise war übrigens das zuständige Amt für Asylbewerber in Leipzig. Mehr Klischee konnte einfach nicht erfüllt sein.

Mehmet war ein sehr netter Mitfahrer. Wir unterhielten uns viel. Das heißt, eigentlich erzählte er viel und ich hörte viel zu. Er erzählte mir seine Geschichte. Er kam nach Leipzig und lernte eine Frau kennen. Sie verliebten sich, wollten heiraten. Ihre Familien lernten einander kennen, alles war perfekt. Bis zu diesem einen Tag unmittelbar vor der Hochzeit. Seine zukünftige Frau wurde in der Dunkelheit von einem betrunkenen Autofahrer angefahren. Sie überlebte diesen Unfall nicht.

Was für ein Schicksal und wir hatten noch nicht einmal die Stadtgrenze von Hamburg passiert! Die Fahrt dauerte noch gut vier Stunden. Wenn das also seine Einstiegs-Kennenlern-Geschichte ist, was kommt dann als nächstes? Glücklicherweise bildete diese tragische Geschichte den traurigen Höhepunkt Mehmets Erzählungen. Weiter ging es nämlich mit weitaus, wie soll man sagen, verruchteren Geschichten. Mehmet war früher Ringer in seinem Heimatland Iran. Als solcher schien er sehr erfolgreich gewesen zu sein. Jedenfalls fuhr er auch einst zu Meisterschaften nach Thailand. Im Iran, so Mehmet, sei es schwierig, ob der religiösen und kulturellen Einstellungen, Frauen ohne lange Umhänge, Mäntel oder Kopftücher zu begegnen. In Thailand hingegen sind wohl alle etwas freizügiger.  Ich war selbst noch nicht in Thailand, aber was Mehmet erzählte, damit hatte ich nicht gerechnet. „Hat er das gerade wirklich gesagt? Was hast du gemacht? Die ganze Nacht? Und wie sind deine Wettkämpfe ausgegangen?“ Er sprach von Katalogen in Taxen, in denen man(n) sich eher weniger die abgebildeten Textilien bestellte als die abgebildeten Frauen. Er erzählte davon wie man 20$ und wofür einsetzen sollte und so weiter und so fort… Sein abschließendes Kommentar: „Hast du eine Freundin? Du darfst nie mit deiner Freundin nach Thailand fahren.“ Aufgrund meiner Flugangst werde ich sicherlich sowieso nicht nach Thailand fahren..

Mehmet konnte aber nicht nur gut erzählen. Während der Fahrt durfte er sich auch als Mechaniker beweisen. Mich beschäftigte ein klapperndes Geräusch, was Mehmet als lockere Räder identifizierte. Er hatte unglücklicherweise sogar recht. Gefährlich war es zwar noch nicht, aber dennoch. Wir zogen die Räder wieder ordentlich fest und weiter ging es.

In Leipzig hatte ich anfangs das gleiche Problem wie in Hamburg. Ich kannte mich einfach nicht aus. Da ich noch nach Jena weiterfahren musste, dachte ich wäre Schkeuditz (Flughafen Leipzig) ein idealer Halt. Ich wollte also Mehmet am S-Bahnhof Schkeuditz West absetzen, doch leider verpassten wir die korrekte Abfahrt. Irgendwann landeten wir in einer Sackgasse, ca. 200m von der Station entfernt. Uns blieb nicht anderes übrig als quer übers Feld zu fahren. So setzte ich also Mehmet, nach einer unterhaltsamen Fahrt, irgendwo an einer S-Bahn-Station mitten im Feld am Flughafen Leipzig ab.

Ich hoffe er hat den Weg in die Stadt gefunden. Die Fahrt wird mir dank seiner Geschichten immer in Erinnerung bleiben.

 

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